Er betrachtete das Bild, welches er soeben aus der Pappschachtel genommen hatte.
„Wer ist die Frau?“, fragte Sandra spitz.
Das Bild zeigte eine junge Frau mitte zwanzig, schulterlanges blondes lockiges Haar im Halbprofil. Verschwommen war im Hintergrund ein Seeufer zu erkennen. Den Kopf auf die rechte Hand gestützt, die Stirn leicht gekräuselt blickten blauen Augen den Betrachter spöttisch lächelnd entgegen. Der Mund schien milde tadelnd sagen zu wollen: „Du elender Heuchler!“
Lara! Irgendwann war sie in sein Leben getreten. An den Tag konnte er sich noch sehr genau erinnern. Jeden Morgen vor Bürobeginn ging er um 8.00 Uhr am See joggen. So auch an diesem 15. Juli vor fünf Jahren. Als er an ihr vorüber lief, hörte er ihr prustendes Lachen. Irgendwie hatte er das Gefühl, dass dieses Lachen ihm galt. Er blieb stehen, wandte sich wieder zurück und funkelte sie böse an:
„Lachen sie über mich?“
„Ja,“ gab sie noch immer lachend zurück, „sie sahen so komisch aus, als sie an mir vorüber liefen.“ Mit seinen dünnen Beinen und Armen und dem leichten Bauchansatz, welcher unter dem viel zu kurzen T-Shirt zu erkennen war, machte er in der Tat keine besonders gute Figur. Er konnte es überhaupt nicht leiden, wenn sich jemand darüber lustig machte. Aber ihr Lachen! Es war so herzerfrischend, ganz anders als das Lachen Sandras.
„Statt sich über andere lustig zu machen, sollten sie lieber selbst laufen“, sagte er nur mäßigt verärgert klingen.
„Sie haben recht, wollen wir zusammen laufen?“
Seit diesem Morgen verabredeten sie sich regelmäßig zum laufen. Verabreden? Sich mit Lara zu verabreden war eigentlich unmöglich. Sie erschien wie ein Blitz aus heiterem Himmel und manchmal auch gar nicht. Sie machte um sich kein großes Aufheben und eigentlich wusste er von ihr nichts außer ihrem Namen.
Sie war einfach da, lief neben ihm her und scherzte mit ihm über belangloses Zeug. Fragen zu ihr selbst, wich sie aus.
Irgendwann musste er ihr aber diese Frage stellen:
„Hast du einen Freund?“
Statt einer Antwort lief sie ein paar Meter vor, drehte sich um, rannte rückwärts weiter und fragte lachend zurück:
„Und du? Hast du eine Freundin?“
„Ich bin verheiratet.“
„Na dann ist ja alles gut“, gab sie zurück, drehte sich lachend um und lief weiter, so schnell, dass er nicht mehr nachkam und sie aus den Augen verlor.
Am nächsten Tag erschien sie nicht am vereinbarten Treffpunkt. Ihre Telefonnummer besaß er nicht und so machte er sich mürrisch allein auf den Weg um den See. Am nächsten Tag machte er ihr deshalb Vorhalte. Zornig versetzte sie: „Sind wir miteinander verheiratet? Sind wir ein Paar?“
„Nein,“ antwortete er kleinlaut, „aber ich dachte …“
„Was dachtest du?“
„Nichts!“ Schweigend liefen sie um den See und verabschiedeten sich am Ende der Strecke kurz voneinander.
Unvermittelt blieb sie stehen und ließ sich in das Gras fallen. Er tat es ihr gleich. So nah waren sie sich nie gekommen. Er spürte ihren erhitzten Körper, das Schlagen ihres Herzens. Die Augen geschlossen, der Mund halb geöffnet.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen