Donnerstag, 4. Januar 2018

Credo

Credo

Bruder des Rodrigo, gebunden an einen Balken des gesunkenen Schiffes, treibend an diesem Stück Holz im tosenden Wasser des Ozeans. Ich höre dein Gebet "Herr, ich danke dir, dass du mich so gefesselt hast. Zuweilen geschah mir, dass ich deine Gebote mühsam fand, und meinen Willen im Angesicht deiner Satzung ratlos, versagend. Doch heute kann ich enger nicht mehr an dich angebuden sein, als ich es bin, und mag ich auch meine Glieder eines um das andere durchgehn, keines kann sich auch nur ein wenig von dir entfernen. Und so bin ich wirklich ans Kreuz gehefte, das Kreuz aber, an dem ich hänge, ist an nichts mehr geheftet. Es treibt auf dem Meere." Es hält dich nur ein über dem Nichts schwankender, loser Balken. Doch du weißt, dass dieses Holz stärker ist als das Nichts,das unter dir brodelt, das aber dennoch die bedrohende, eigentliche Macht deiner Gegenwart bleibt. Und dein Bruder Rodrigo, der sich für ungläubig hält, der Gott den Rücken gekehrt hat, weil er als seine Sache nicht das Warten ansieht, sondern das "Besitzen des Erreichlichen ... als könnte er anderswo ein, als Du bist?" Er der Welteroberer, endend als Sklave auf einem Schiff. Wie forsch er sich immer gegeben haben mag und nur im unmittelbar Gewissen lebte. Es bliebt die geheime Ungewissheit, ob sein Positivismus wirklich das letzte Wort haben mag. Auch er wurde der Abgeschlossenheit dessen, was er gesehen hat und als das Ganze erklärte nie restlos gewiß. Auch ihm blieb der Glaube stets Bedrohung und Versuchung seiner scheinbar ein für allemal geschlossenen Welt. Es gib keine Flucht aus der Ungewißheit: Dilemma des Menschseins!

Ein letztlich unübersetzbares biblisches Grundwort: Wenn ihr nicht glaubt, dann werdet ihr keinen Halt haben. Bruder des Rodrigo, dessen Halt stärker ist als das brodelnde Nichts, Du, der Stand fasst, der sich vertrauend auf den Boden des Wortes Gottes stellt.

Bist Du es wirklich: das hat schon Johannes der Täufer angstvoll in einer dunklen Stunde gefragt. Was niemand je gesehen hat - der hat es uns ausgelegt, der an der Brust des Vaters ruht. Die Entdeckung Gottes im Antlitz des Menschen Jesus von Nazareth. Er in der Unmittelbarkeit und Dichte seines betenden, ja, sehenden Umgangs mit Gott, ist er Zeuge Gottes, durch den hindurch der Unberührbare berührbar, der Ferne nahe geworden ist. Er, der wahrhaft die Wende vollzogen h von der falschen Bescheidung aufs Vorgergründige in die Tiefe der ganzen Wahrheit hin, die Anwesenheit des Ewigen selbst in dieser Welt. Nicht bloß objektiver Sinn, sondern Sinn, der mich kennt und sieht, dass ich ihm mich anvertrauen kann mit der Gebärde des Kindes, dass im Du der Mutter all seine Fragen geborgen weiß.

Das Gesetz der Nachfolge

Das Gesetz der Nachfolge

Dies ist das Gesetz der Nachfolge: „Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. Denn wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben um meinetwillen und um des Evangeliums willen verliert, wird es retten.“

Wer kann dieses Gebot erfüllen?

Tröstlich, dass es auch für einen Menschen wie Simon Petrus ein schwerer Weg zur wirklichen Nachfolge Christi war.

Für ihn nahm alles seinen Anfang an einem ganz gewöhnlichen Tag am See Gennesaret. Dort führte er gemeinsam mit der Familie des Zebedäus, des Vaters von Jakobus und Johannes und seinem Bruder Andreas einen kleinen Fischereibetrieb. Während der ganzen Nacht waren sie auf dem See fischen. Doch ihre Netze blieben leer. Als sie am Tage die Netze wuschen, kam Jesus auf sie zu. Da ihn eine große Menschenmenge hören wollte, bat Jesus Simon in sein Boot einsteigen zu dürfen damit er vom See aus zu den Menschen sprechen konnte. Nach der Predigt fordert Jesus ihn auf weiter auf den See herauszufahren, um die Netze zum Fang auszuwerfen. Simon entgegnet darauf: „Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen.“ Dennoch hat der Fischer Simon Vertrauen in die Worte des Zimmermanns: „Doch wenn du es sagst, werde ich die Netze auswerfen.“ Dieses Vertrauen wird reichlich belohnt. Das Ergebnis des wunderbaren Fischfangs versetzt Petrus in Staunen und Schrecken: „Herr, geh weg von mir, ich bin ein Sünder.“ Von nun an nimmt das Leben des Simon einen ganz anderen Weg: „Fürchte dich nicht! Von jetzt an wirst du Menschen fangen.“ Ein Weg, der ihn vom Ufer des Sees Gennesaret bis nach Rom führen wird. Doch davon ahnt er zu diesem Zeitpunkt noch nichts. Simon vertraut auf die Worte desjenigen, der ihn ruft und lässt sich in dieses große Abenteuer hineinziehen. Er wird Jünger Jesu!

Nicht, dass er von Beginn an die messianische Sendung Jesu wirklich verstanden hätte.

Eines Tages stellt Jesus den Jünger die Frage: „Für wen halten mich die Menschen?“ Die Jünger geben in ihrer Antwort die unterschiedlichen Auffassungen der Öffentlichkeit wieder. Jesus aber verlangt eine persönliche Stellungnahme der Jünger und fragt weiter: „Ihr aber, für wen haltet ihr mich?“ Es ist Petrus, der für alle anderen antwortet: „Du bist der Messias“. Wirklich begriffen hat er den Sinn des Wortes „Messias“ zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Dies wird deutlich, als Jesus wenig später in der Nähe von Cäsarea Philippi mit den Jüngern ganz offen über den ihm bevorstehenden Leidensweg spricht. Dieser leidende Messias entspricht nun überhaupt der Vorstellung des Simon! Er erwartet einen Messias, der als „göttlicher Mensch“ allen seine Macht auferlegt. Deshalb nimmt Simon Jesus beiseite und macht ihm wegen seiner Äußerungen Vorwürfe. Heftig weist Jesus ihn zurück: „Weiche hinter mich, Satan! Denn du hast nicht das im Sinn, was Gott will, sondern was die Menschen wollen.“ Deutlich gibt Jesus ihm zu verstehen: Ich gebe den Weg vor und du sollst mir folgen. Und so formuliert er das Gebot der Nachfolge: „Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach.“

Langsam beginnt Simon zu verstehen. Deutlich wird dies nach der Speisung der fünftausend am See von Tiberias: Die Menschenmenge will Jesus zu ihrem König machen. Doch Jesus nimmt dies nicht an und zieht sich zurück. Am nächsten Tag legt Jesus dieses Wunder in der Synagoge von Kafarnaum aus: Das Brot ist nicht Zeichen des Beginns einer Königsherrschaft über Israel, sondern es symbolisiert die Gabe seiner selbst: „Das Brot, das ich geben werde, ist mein Fleisch, ich gebe es hin für das Leben der Welt.“ Für viele eine unerträgliche Rede! Das war es nicht, was sie hören wollten. „Ich gebe mein Fleisch,“ was sollte das heißen? Ihr „Messias“ sollte mit Macht den Staat Israel erneuern und nicht so skandalöse Reden führen! Viele verließen ihn darauf hin enttäuscht. Jesus fragt die Verbliebenen darauf hin: „Wollt auch ihr weggehen?“ Während Simon Jesus in Cäsarea Philippi noch heftige Vorwürfe gemacht hatte, reagiert er nun ganz anders: „Herr, zu wem sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens. Wir sind zum Glauben gekommen und haben erkannt: Du bist der Heilige Gottes“.

Dennoch: das Geheimnis Christi hat er auch zu diesem Zeitpunkt noch nicht in seiner ganzen Tiefe verstanden. Dazu bedarf es noch einer bitteren Lektion: Beim Gang zum Ölberg verkündet Simon noch: „Auch wenn ich mit dir sterben müsste – ich werde dich nie verleugnen“ Nur wenig später wird er zur Magd des Hohenpriesters aus Furcht um sein eigenes Leben sagen: „Ich kenne diesen Menschen nicht, von dem ihr redet.“ Hat er zuvor noch die vollkommene Treue versprochen, muss er nun seine eigene Schwäche erkennen. Er bricht in Tränen aus und erkennt, dass auch er der Vergebung bedarf.

Erst die Erkenntnis der eigenen Schwäche macht ihn bereit für seine Sendung, die ihm schließlich vom auferstandenen Jesus anvertraut wird:

Der Evangelist Johannes überliefert uns ein Gespräch, dessen ganze Tiefe sich in der deutschen Sprache leider nur ungenügend wiedergeben lässt. In der griechischen Sprache drückt das Verb „philéo“ die freundschaftliche Liebe aus, die zwar zärtlich, aber nicht allumfassend ist, während das Verb „agapáo“ die vorbehaltlose, allumfassende und bedingungslose Liebe bedeutet. So fragt Jesus Petrus beim ersten Mal: "Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich(agapáo)mehr als diese?" Um seine Untreue und Schwäche wissend antwortet er ihm: "Ja, Herr, du weißt, dass ich dich liebe (philéo)". Erneut fragt Jesus ihn: "Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich (apagáo)?" Erneut antwortet Simon ihm: Ja, Herr, du weißt, dass ich dich liebe (philéo). Beim dritten Mal fragte Jesus nur: Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich (philéo)?" In diesem Moment begreift Simon, dass Jesus seine armselige menschliche Liebe genügt. Dies ist die einzige Liebe, zu der er fähig ist. Daher antwortet er traurig: "Herr, du weißt alles; du weißt, dass ich dich lieb habe (philéo)." Beinahe erscheint es in dieser Szene so, als habe sich Jeus eher an Simon angepasst, als Simon an Jesus. Nach diesen Worten sagt Jesus zu ihm: "Weide meine Schafe!"

Folge mir nach!

Erst jetzt,kann Simon Jesus wirklich folgen. Er hat einen langen Weg hinter sich. Beinahe naiv erscheint es uns Heutigen, wie Simon diesem Rabbi am See Gennesaret folgt. Es folgen schwere innere Kämpfe, weil der Messias so anders als der Erwartete ist. Schließlich muss er seine eigener Schwäche durch die schmerzhafte Erfahrung der Verleugnung und die Tränen der Bekehrung erfahren. Er kann Jesus nur seine eigene armselige Liebe schenken. Durch diese Erkenntnis ist Simon dahin gelangt, sich jenem Jesus anzuvertrauen, der sich in seiner unendlichen Liebe Simons armseliger Liebesfähigkeit angepasst hat.

Tibet

Tibet

Nur so ab ovo mein persönlich gefärbter Stimmungsbericht von einer Tibet-Kundgebung
anlässlich der Olympischen Spiele im vergangenen Jahr:

Ein schöner Sommerabend. Touristen gingen spazieren, saßen in den Cafes und auf den freien
Bänken. Die Sonne schien, verschwand aber schon ein wenig hinter dem Brandenburger Tor
 und verlieh der Quadriga einen Strahlenkranz. Richtung Westen sah man durch die Säulen die
Siegessäule, da stand Obama neulich. Als ich Richtung Osten blickte sah ich den mächtigen
Glockenturm des Roten Rathauses. Links von mir die französische Botschaft, rechts die
Akademie der Künste, das Hotel Adlon und ein Stückchen weiter die russische Botschaft.
Auf den Gebäuden wehten Fahnen. Für mich ein beeindruckender Platz. In seiner Mitte stand
eine Gruppe von Mensch, viele von ihnen mit Fahnen in der Hand - mit der tibetischen Fahne.
Der auffrischende Wind blähte die Fahnen eindruckvoll auf. Wort- und Liedfetzen drangen zu mir
 herüber, vermischten sich mit dem Schnattern der Touristen und dem Rauschen der Springbrunnen.
Ganz zart schwebte eine Melodie über den Platz. Kerzen wurden angezündet. Ihr Licht flackerte im
Wind. Es war auf eine merkwürdige Art ruhig und friedlich auf diesem sonst so lauten Platz. Ich blickte
 noch einmal hoch zur Quadriga. Vor diesen kolossalen Bauten wirken wir Menschen richtig klein.
Ich dachte an die Eröffnungsfeiern der Olympischen Spiele und wie kalt mich diese perfekten
Inzenierungen immer gelassen haben. Dieses Häufchen Menschen, eingekesselt zwischen all den
prächtigen Bauten - das hat in mir eine verlorengegangen geglaubte Saite erklingen lassen
- das hat mich bewegt. Macht und Ohnmacht - und die Frage, auf welche Seite man sich stellt.
Ich schaute mich noch einmal um. Die Schatten waren länger geworden - die Erde hatte sich
weitergedreht ...

Lara

Er betrachtete das Bild, welches er soeben aus der Pappschachtel genommen hatte.
„Wer ist die Frau?“, fragte Sandra spitz.
Das Bild zeigte eine junge Frau mitte zwanzig, schulterlanges blondes lockiges Haar im Halbprofil. Verschwommen war im Hintergrund ein Seeufer zu erkennen. Den Kopf auf die rechte Hand gestützt, die Stirn leicht gekräuselt blickten blauen Augen den Betrachter spöttisch lächelnd entgegen. Der Mund schien milde tadelnd sagen zu wollen: „Du elender Heuchler!“

Lara! Irgendwann war sie in sein Leben getreten. An den Tag konnte er sich noch sehr genau erinnern. Jeden Morgen vor Bürobeginn ging er um 8.00 Uhr am See joggen. So auch an diesem 15. Juli vor fünf Jahren. Als er an ihr vorüber lief, hörte er ihr prustendes Lachen. Irgendwie hatte er das Gefühl, dass dieses Lachen ihm galt. Er blieb stehen, wandte sich wieder zurück und funkelte sie böse an:
„Lachen sie über mich?“
„Ja,“ gab sie noch immer lachend zurück, „sie sahen so komisch aus, als sie an mir vorüber liefen.“ Mit seinen dünnen Beinen und Armen und dem leichten Bauchansatz, welcher unter dem viel zu kurzen T-Shirt zu erkennen war, machte er in der Tat keine besonders gute Figur. Er konnte es überhaupt nicht leiden, wenn sich jemand darüber lustig machte. Aber ihr Lachen! Es war so herzerfrischend, ganz anders als das Lachen Sandras.
„Statt sich über andere lustig zu machen, sollten sie lieber selbst laufen“, sagte er nur mäßigt verärgert klingen.
„Sie haben recht, wollen wir zusammen laufen?“
Seit diesem Morgen verabredeten sie sich regelmäßig zum laufen. Verabreden? Sich mit Lara zu verabreden war eigentlich unmöglich. Sie erschien wie ein Blitz aus heiterem Himmel und manchmal auch gar nicht. Sie machte um sich kein großes Aufheben und eigentlich wusste er von ihr nichts außer ihrem Namen.
Sie war einfach da, lief neben ihm her und scherzte mit ihm über belangloses Zeug. Fragen zu ihr selbst, wich sie aus.
Irgendwann musste er ihr aber diese Frage stellen:
„Hast du einen Freund?“
Statt einer Antwort lief sie ein paar Meter vor, drehte sich um, rannte rückwärts weiter und fragte lachend zurück:
„Und du? Hast du eine Freundin?“
„Ich bin verheiratet.“
„Na dann ist ja alles gut“, gab sie zurück, drehte sich lachend um und lief weiter, so schnell, dass er nicht mehr nachkam und sie aus den Augen verlor.

Am nächsten Tag erschien sie nicht am vereinbarten Treffpunkt. Ihre Telefonnummer besaß er nicht und so machte er sich mürrisch allein auf den Weg um den See. Am nächsten Tag machte er ihr deshalb Vorhalte. Zornig versetzte sie: „Sind wir miteinander verheiratet? Sind wir ein Paar?“
„Nein,“ antwortete er kleinlaut, „aber ich dachte …“
„Was dachtest du?“
„Nichts!“ Schweigend liefen sie um den See und verabschiedeten sich am Ende der Strecke kurz voneinander.

Unvermittelt blieb sie stehen und ließ sich in das Gras fallen. Er tat es ihr gleich. So nah waren sie sich nie gekommen. Er spürte ihren erhitzten Körper, das Schlagen ihres Herzens. Die Augen geschlossen, der Mund halb geöffnet.

Ciccio

Ciccio liebte seine Stadt.

Wie schon sein Großvater, schürte Ciccio jeden Morgen um fünf Uhr zum ersten Mal  das Holzfeuer in seiner Backstube. Denn Giovanni, so sein Taufname, war Pizzabäcker.

Als Sohn eines echten römischen  Bäckers wurde er in der Kirche Santa Maria di Loreto getauft. Dort hat er auch geheiratet, doch der Segen der Madonna ruhte nicht auf dem Paar. Bald lief die Frau ihm davon und die kleine Tochter sah er nie wieder.

So lebte Ciccio mit seinem jüngsten Bruder in einem kleine möblierten Zimmer unweit seiner Backstube in der Via del Governo Veccio. Wenn sie nicht gerade von seiner Pizza lebten, kochte Ciccio auf einer kleinen schäbigen Kochplatte Bohnen, Spagetti und Maccheroni.

Ciccio war einer der besten Pizzabäcker der Stadt. In seinem schlauchartigen Laden standen die Leute schon morgens früh Schlange, wenn er die erste dampfende Pizza aus dem Holzofen holte, sie in lappengroße Stücke schnitt und wie Brotlaibe verkaufte. Portionsweise kauften die Leute das weiße tomatenbedeckte Brot der armen Leute. Fünf Mal am Tag buken Cicco und sein Bruder  damals Pizza. Denn warm und.frisch wollten die Menschen das Fladenbrot genießen. Deshalb verzehrten viele die Köstlichkeit gleich in dem Laden, dessen Einrichtung die Erinnerung an bessere Zeiten hochhielt. Dabei konnte man die Pizza bei Ciccio nur im Stehen genießen. Dicht drängten sich die Menschen vor der großen Verkaufstheke, hinter deren Glasscheibe alle Leckereien zu bestaunen waren, mit denen eine Pizza zu belegen ist..

Hinter der Theke aber regierte ein meist gut gelaunter kleiner dicker Mann mit strahlenden blauen Augen. Mit seiner Redseligkeit unterhielt Ciccio seine Kunden und hatte für jeden ein gutes Wort.

Mittags aber -- nach der letzten vormittäglichen Pizzarunde - schwang sich Ciccio auf sein kleines Moped und fuhr hinauf zum Pincio. Im Park der Villa Borghese legte er sich ins Gras, hielt ein Nickerchen oder spazierte im Park umher, vorbei an den marmornen Zeugnissen einer längst vergangenen Zeit.

Dann sah er in Gedanken oft den kleinen Giovanni, der nach dem fünften Volksschuljahr die Schule verließ, um bei seinem Vater in die Lehre zu gehen. Mit dem Fahrrad trug er damals Brot und Pizza bis nach Trastevere aus. Die Adelspaläste der Via Giulia und der Via dei Coronarie beliefert er mit Brötchen.

Die “Herrschaften” gibt es dort längst nicht mehr. Ihre Paläste wurden in teure Eigentumswohnungen umgewandelt. Den alten Anwohnern gab man Silberlinge, von denen sie sich eine Wohnung in der grauen Vorstadt kaufen konnten.

Ciccio blieb - eine Weile noch.

Ciccio gibt es nicht mehr.

Heute kauft man in der Via del Governo Vecchio 89 Burger und Hot Dog’s.

Earth is coming up ..

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Dreihundertachzigtausend Kilometer von der Erde entfernt. Zweihundert Kilometer unter ihnen die wüste Oberfläche des Mondes. Vor 75 Stunden und 47 Minuten haben sie die Erde verlassen. Es ist der 24. Dezember 1968: Heiligabend in der Mondumlaufbahn. Zum dritten Mal haben die drei Astronauten in ihrer kleinen Kapsel den Mond jetzt schon umrundet. Der Kommandant Frank Bormann hat die kleine Nußschale zur Mondoberfläche ausgerichtet. Die beiden Piloten James Lovell und William Anders blicken aus ihren Bullaugen auf die Oberfläche. Sie erkunden das Terrain für die im nächsten Jahr vorgesehene Mondlandung. Routine, hundertmal auf der Erde trainiert! Jeder Handgriff sitzt! Zu Beginn der vierten Umrundung dreht der Kommandant die kleine Kapsel in Flugrichtung, um anhand der Gestirne eine genaue Postitionsbestimmung vornehmen zu können. Langsam schiebt sich der Mondhorizont vor die Bullaugen der Kapsel. Ein grauer Streifen, scharf abgegrenzt vom unendlichen Schwarz des Weltalls. Plötzlich, nach 75 Stunden, 47 Minuten und 30 Sekunden kommt in der Enge der Kabine Hektik auf: "Oh my God!", ruft einer der Astronauten. Alle reden durcheinander.Im Transskript der Bordkommunikation heißt es an dieser Stelle: 075:47:30 Anders or Borman (onboard). "Look at that picture over there!" Über den öden Horizont des Mondes schiebt sich ein weiß-blauer Streifen, in dessen Widerschein eine blaue Kugel auftaucht, Wie eine winzige Murmel wirkt sie, aus der Entfernung nicht viel größer als ein Daumennagel. "Here's the Earth coming up. Wow, is that pretty!" Bormann greift nach einer Kamera. "Hey, don't take that, it's not scheduled",scherzt einer der anderen Astronauten. Der Kommandant lacht nur;er hat bereits abgedrückt. Ihm fällt an, dass sich in dem Apparat nur ein Schwarz-Weiß-Film befindet. "Hast du einen Farbfilm, Jim?", fragt er. "Schnell, gib mir 'nen Farbfilm!" "Oh Mann, ist das herrlich!" "Komm, komm, nun mach schon!" "Hast du's?" "Ich suche noch." "Schneller!" "Ich glaub', wir haben's vermasselt!" "Hey, ich hab's, hier!" "Komm hier her an mein Fenster, das ist etwas klarer!" "Hast du's?" "Yep." "Gib sie mir rüber, rasch!" "Beruhige dich, Lovell." "Was für ein wunderschönes Bild!" Schließlich ist es Wiliam Anders, der das Bild der aufgehenden Erde in Farbe fotografiert. Ein Bild, welches alles verändert. Ein Bild, das zeigt, wie klein die Erde eigentlich ist, wie verloren sie im schwarzen Nichts des Alls wirkt. Eine blau marmorierte Kugel, gespickt mit gelben und braunen Tupfern. Von all dem Grün, das uns Menschen als lebensstiftend gilt: Aus dem Weltall ist es nicht zu erkennen, auch nicht die lebenspendende Atmosphäre. Die Schutzhülle der Erde ist viel zu dünn, um sie wahrnehmen zu können. Eine Insel des Lebens in der Weite des Universums, die aus dieser Perspektive noch viel unbegreiflicher wirkt, so verletzlich! Die drei Astronauten waren aufgebrochen, eine fremde Welt zu erforschen, doch was in Erinnerung bleibt, ist das Bild der aufgehenden Erde! An jenem heiligen Abend des Jahres 1968 melden sich die Raumfahrer zu einer Fernsehübertragung. "Für alle Menschen auf der Erde hat die Besatzung von Apollo 8 eine Botschaft, die wir Euch senden möchten." Dann lesen sie die Schöpfungsgeschichte aus dem Alten Testament: "Und die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser ..." Ihre Ansprache endet mit den Worten:"Wir schließen mit einem gute Nacht, viel Glück, frohe Weihnachten und Gottes Segen für euch alle, euch alle auf der guten Erde."

Mascha Kalèko


1907 in Galizien geboren, blieb sie lebenslang eine Wanderin. In Berlin fand sie scheinbare Heimat. Hier saß sie mit Ringelnatz, Tucholski, Erich Kästner, Elke Lasker-Schüler im "Romantischen Café". Sie veröffentlichte ihre Gedichte in der "Vossischen Zeitung". Alltagsgedichte, witzig,voller Selbstironie, unsentimental und bar von jeglichem Pathos.Ihr erstes Buch "Das lyrische Stenogrammheft" erschien 1933. Bevor das Nazi-Regime die weitere Verbreitung unmöglich machte, war die erste Auflage vergriffen. Berlin - das war ihre Stadt! Spät - fast zu spät - ging sie deshalb in das Exil. Erst 1938 verließ sie Deutschland und ließ sich mit ihrem Mann Chemjo Vinaver in New York nieder. Exiliantenschicksal - mit all seinen auch materiellen Härten. Chemjo Vinaver hatte sich sein Leben lang mit chassidischer Musik beschäftigt. Er gab Konzerte, gründete einen Chor, lernte aber kaum ein Wort Englisch. Mascha Kalèko musste alle Besprechungen und Verhandlungen führen. Trister Alltag kehrt so ein. In diesem Zusammenhang ist das Gedicht entstanden, welches fast mein Lieblingsgedicht von ihr ist: "Für Chemjo zu Pessach 1944" Durch grauen Alltag "das Schweben verlernt", weit entfernt den leuchtenden Sternen und mit gesenkten Flügeln ergeben trotten: Analyse der Tristess. Aber dann - typisch für diiese in schwerer Zeit tapfere Frau - der aufrüttelnde Aufruf: Versuchen wir uns zu erheben, bevor es zu spät ist! Alltagspoesie, die zeitlos ist!

Heiter, witzige aber bisweilen auch sehr ernste Lyrik, aber immer nahe am realen Leben. In den "Versen für Zeigenossen" findet sich das Gedicht "Kleine Zwischenbilanz" mit der Frage: "Was wird am Ende von mir übrigbleiben?" Sie gibt sich selbst die Antwort: "Drei schmale Bände und ein einzig Kind". Das Schicksal hielt etwas anderes für sie bereit, vorgeahnt im Gedicht "Ich werde fortgehen im Herbst": "Ich werde gehen wie ich kam - allein." Das Kind wurde ihr genommen - geblieben ist das wunderschöne lyrische Werk


1907 in Galizien geboren, blieb sie lebenslang eine Wanderin. In Berlin fand sie scheinbare Heimat. Hier saß sie mit Ringelnatz, Tucholsky, Erich Kästner, Elke Lasker-Schüler im "Romantischen Café". Sie veröffentlichte ihre Gedichte in der "Vossischen Zeitung". Alltagsgedichte, witzig, voller Selbstironie, unsentimental und bar von jeglichem Pathos.
Ihr erstes Buch "Das lyrische Stenogrammheft" erschien 1933. Bevor das Nazi-Regime die weitere Verbreitung unmöglich machte, war die erste Auflage vergriffen. Berlin - das war ihre Stadt! Spät - fast zu spät - ging sie deshalb in das Exil. Erst 1938 verließ sie Deutschland und ließ sich mit ihrem Mann Chemjo Vinaver in New York nieder. ­Exiliantenschicksal - mit all seinen auch materiellen Härten. Chemjo Vinaver hatte sich sein Leben lang mit chassidischer Musik beschäftigt. Er gab Konzerte, gründete einen Chor, lernte aber kaum ein Wort Englisch. Mascha Kalèko musste alle Besprechungen und Verhandlungen führen. Trister Alltag kehrt so ein. In diesem Zusammenhang ist das Gedicht entstanden, welches eines meiner Lieblingsgedichte von ihr ist: "Für Chemjo zu Pessach 1944". Durch grauen Alltag "das Schweben verlernt", weit entfernt von den leuchtenden Sternen und mit gesenkten Flügeln ergeben trottend: Analyse der Tristesse. Aber dann - typisch für diese in schwerer Zeit tapfere Frau - der aufrüttelnde Aufruf: “Versuchen wir uns zu erheben, bevor es zu spät ist!”

Alltagspoesie, die zeitlos ist!





Für Chemjo zu Pessach 1944

"Wir haben das Schweben verlernt,
Weh  uns, wir kleben am Weg.
Vom Leuchten der Sterne entfernt,
Die Flügel gesenkt und träg,
so trotten die Füße ergeben.
Ach, Liebster, bevor es zu spät,
Versuchen wir's, uns  zu erheben"
             

Nietsche


Durch einen Beitrag von Markus Felber angeregt, habe ich gerade nochmal über mein Verhältnis zu Friederich Nietsche nachgedacht. Ich mag seinen Stil, lehne die Konsequenzen seiner Analyse jedoch ab. Dennoch: hier ist ein Mensch dessen Gott ihm gestorben ist. Im Gegensatz zu dem dümmlichen Atheismus eines Richard Dawkin u.a. erkennt Nietscha aber, dass eine Welt ohne Gott nur wüst und leer ist. Das Projekt "Übermensch", welches er im Zarathustra" der Menschheit gegen die lähmende Wirkung des Nihilismus anbietet, ist für mich als Christ völlig inakzeptabel. Was aber bleibt, ist meine Hochachtung für Nietsches Ringen mit Gott. Da ist er ehrlicher und konsequenter als viele andere, die einem gedankenlosem Atheismus fröhnen.

janusz Korczak

"Denn wer sein Leben retten will, wird es verlieren" (Mt 16,25) Ein schwer zu akzeptierendes Wort, dessen Richtigkeit man nur am Beispiel einzelner Menschen erfassen kann: Janusz Korczak (1878–1942), ein polnische Arzt, Schriftsteller und Pädagoge hat uns eine Fülle von Romanen, Essays, Geschichten, kinder-psychologische Abhandlungen, Gedichte und Gebete hinterlassen. Von 1911–1914 leitete er ein jüdisches Waisenhaus und seit 1919 ein Kinderheim in Warschau für verwahrloste Arbeiterkinder. Mit seinem Waisenhaus war er im Ghetto von Warschau eingeschlossen. Als am 5. August 1942 die SS die 200 Kinder dieses Heimes zum Transport ins KZ Treblinka abholte, lehnte er es ab, seine Kinder zu verlassen und sein Leben zu retten. Er hätte eine solche Tat als Verrat an den Kindern und an seiner Aufgabe betrachtet.Hätte er sich gerettet, wäre sein wahres Leben nicht.verloren gewesen?