Donnerstag, 4. Januar 2018

Ciccio

Ciccio liebte seine Stadt.

Wie schon sein Großvater, schürte Ciccio jeden Morgen um fünf Uhr zum ersten Mal  das Holzfeuer in seiner Backstube. Denn Giovanni, so sein Taufname, war Pizzabäcker.

Als Sohn eines echten römischen  Bäckers wurde er in der Kirche Santa Maria di Loreto getauft. Dort hat er auch geheiratet, doch der Segen der Madonna ruhte nicht auf dem Paar. Bald lief die Frau ihm davon und die kleine Tochter sah er nie wieder.

So lebte Ciccio mit seinem jüngsten Bruder in einem kleine möblierten Zimmer unweit seiner Backstube in der Via del Governo Veccio. Wenn sie nicht gerade von seiner Pizza lebten, kochte Ciccio auf einer kleinen schäbigen Kochplatte Bohnen, Spagetti und Maccheroni.

Ciccio war einer der besten Pizzabäcker der Stadt. In seinem schlauchartigen Laden standen die Leute schon morgens früh Schlange, wenn er die erste dampfende Pizza aus dem Holzofen holte, sie in lappengroße Stücke schnitt und wie Brotlaibe verkaufte. Portionsweise kauften die Leute das weiße tomatenbedeckte Brot der armen Leute. Fünf Mal am Tag buken Cicco und sein Bruder  damals Pizza. Denn warm und.frisch wollten die Menschen das Fladenbrot genießen. Deshalb verzehrten viele die Köstlichkeit gleich in dem Laden, dessen Einrichtung die Erinnerung an bessere Zeiten hochhielt. Dabei konnte man die Pizza bei Ciccio nur im Stehen genießen. Dicht drängten sich die Menschen vor der großen Verkaufstheke, hinter deren Glasscheibe alle Leckereien zu bestaunen waren, mit denen eine Pizza zu belegen ist..

Hinter der Theke aber regierte ein meist gut gelaunter kleiner dicker Mann mit strahlenden blauen Augen. Mit seiner Redseligkeit unterhielt Ciccio seine Kunden und hatte für jeden ein gutes Wort.

Mittags aber -- nach der letzten vormittäglichen Pizzarunde - schwang sich Ciccio auf sein kleines Moped und fuhr hinauf zum Pincio. Im Park der Villa Borghese legte er sich ins Gras, hielt ein Nickerchen oder spazierte im Park umher, vorbei an den marmornen Zeugnissen einer längst vergangenen Zeit.

Dann sah er in Gedanken oft den kleinen Giovanni, der nach dem fünften Volksschuljahr die Schule verließ, um bei seinem Vater in die Lehre zu gehen. Mit dem Fahrrad trug er damals Brot und Pizza bis nach Trastevere aus. Die Adelspaläste der Via Giulia und der Via dei Coronarie beliefert er mit Brötchen.

Die “Herrschaften” gibt es dort längst nicht mehr. Ihre Paläste wurden in teure Eigentumswohnungen umgewandelt. Den alten Anwohnern gab man Silberlinge, von denen sie sich eine Wohnung in der grauen Vorstadt kaufen konnten.

Ciccio blieb - eine Weile noch.

Ciccio gibt es nicht mehr.

Heute kauft man in der Via del Governo Vecchio 89 Burger und Hot Dog’s.

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