Das Gesetz der Nachfolge
Dies ist das Gesetz der Nachfolge: „Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. Denn wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben um meinetwillen und um des Evangeliums willen verliert, wird es retten.“
Wer kann dieses Gebot erfüllen?
Tröstlich, dass es auch für einen Menschen wie Simon Petrus ein schwerer Weg zur wirklichen Nachfolge Christi war.
Für ihn nahm alles seinen Anfang an einem ganz gewöhnlichen Tag am See Gennesaret. Dort führte er gemeinsam mit der Familie des Zebedäus, des Vaters von Jakobus und Johannes und seinem Bruder Andreas einen kleinen Fischereibetrieb. Während der ganzen Nacht waren sie auf dem See fischen. Doch ihre Netze blieben leer. Als sie am Tage die Netze wuschen, kam Jesus auf sie zu. Da ihn eine große Menschenmenge hören wollte, bat Jesus Simon in sein Boot einsteigen zu dürfen damit er vom See aus zu den Menschen sprechen konnte. Nach der Predigt fordert Jesus ihn auf weiter auf den See herauszufahren, um die Netze zum Fang auszuwerfen. Simon entgegnet darauf: „Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen.“ Dennoch hat der Fischer Simon Vertrauen in die Worte des Zimmermanns: „Doch wenn du es sagst, werde ich die Netze auswerfen.“ Dieses Vertrauen wird reichlich belohnt. Das Ergebnis des wunderbaren Fischfangs versetzt Petrus in Staunen und Schrecken: „Herr, geh weg von mir, ich bin ein Sünder.“ Von nun an nimmt das Leben des Simon einen ganz anderen Weg: „Fürchte dich nicht! Von jetzt an wirst du Menschen fangen.“ Ein Weg, der ihn vom Ufer des Sees Gennesaret bis nach Rom führen wird. Doch davon ahnt er zu diesem Zeitpunkt noch nichts. Simon vertraut auf die Worte desjenigen, der ihn ruft und lässt sich in dieses große Abenteuer hineinziehen. Er wird Jünger Jesu!
Nicht, dass er von Beginn an die messianische Sendung Jesu wirklich verstanden hätte.
Eines Tages stellt Jesus den Jünger die Frage: „Für wen halten mich die Menschen?“ Die Jünger geben in ihrer Antwort die unterschiedlichen Auffassungen der Öffentlichkeit wieder. Jesus aber verlangt eine persönliche Stellungnahme der Jünger und fragt weiter: „Ihr aber, für wen haltet ihr mich?“ Es ist Petrus, der für alle anderen antwortet: „Du bist der Messias“. Wirklich begriffen hat er den Sinn des Wortes „Messias“ zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Dies wird deutlich, als Jesus wenig später in der Nähe von Cäsarea Philippi mit den Jüngern ganz offen über den ihm bevorstehenden Leidensweg spricht. Dieser leidende Messias entspricht nun überhaupt der Vorstellung des Simon! Er erwartet einen Messias, der als „göttlicher Mensch“ allen seine Macht auferlegt. Deshalb nimmt Simon Jesus beiseite und macht ihm wegen seiner Äußerungen Vorwürfe. Heftig weist Jesus ihn zurück: „Weiche hinter mich, Satan! Denn du hast nicht das im Sinn, was Gott will, sondern was die Menschen wollen.“ Deutlich gibt Jesus ihm zu verstehen: Ich gebe den Weg vor und du sollst mir folgen. Und so formuliert er das Gebot der Nachfolge: „Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach.“
Langsam beginnt Simon zu verstehen. Deutlich wird dies nach der Speisung der fünftausend am See von Tiberias: Die Menschenmenge will Jesus zu ihrem König machen. Doch Jesus nimmt dies nicht an und zieht sich zurück. Am nächsten Tag legt Jesus dieses Wunder in der Synagoge von Kafarnaum aus: Das Brot ist nicht Zeichen des Beginns einer Königsherrschaft über Israel, sondern es symbolisiert die Gabe seiner selbst: „Das Brot, das ich geben werde, ist mein Fleisch, ich gebe es hin für das Leben der Welt.“ Für viele eine unerträgliche Rede! Das war es nicht, was sie hören wollten. „Ich gebe mein Fleisch,“ was sollte das heißen? Ihr „Messias“ sollte mit Macht den Staat Israel erneuern und nicht so skandalöse Reden führen! Viele verließen ihn darauf hin enttäuscht. Jesus fragt die Verbliebenen darauf hin: „Wollt auch ihr weggehen?“ Während Simon Jesus in Cäsarea Philippi noch heftige Vorwürfe gemacht hatte, reagiert er nun ganz anders: „Herr, zu wem sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens. Wir sind zum Glauben gekommen und haben erkannt: Du bist der Heilige Gottes“.
Dennoch: das Geheimnis Christi hat er auch zu diesem Zeitpunkt noch nicht in seiner ganzen Tiefe verstanden. Dazu bedarf es noch einer bitteren Lektion: Beim Gang zum Ölberg verkündet Simon noch: „Auch wenn ich mit dir sterben müsste – ich werde dich nie verleugnen“ Nur wenig später wird er zur Magd des Hohenpriesters aus Furcht um sein eigenes Leben sagen: „Ich kenne diesen Menschen nicht, von dem ihr redet.“ Hat er zuvor noch die vollkommene Treue versprochen, muss er nun seine eigene Schwäche erkennen. Er bricht in Tränen aus und erkennt, dass auch er der Vergebung bedarf.
Erst die Erkenntnis der eigenen Schwäche macht ihn bereit für seine Sendung, die ihm schließlich vom auferstandenen Jesus anvertraut wird:
Der Evangelist Johannes überliefert uns ein Gespräch, dessen ganze Tiefe sich in der deutschen Sprache leider nur ungenügend wiedergeben lässt. In der griechischen Sprache drückt das Verb „philéo“ die freundschaftliche Liebe aus, die zwar zärtlich, aber nicht allumfassend ist, während das Verb „agapáo“ die vorbehaltlose, allumfassende und bedingungslose Liebe bedeutet. So fragt Jesus Petrus beim ersten Mal: "Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich(agapáo)mehr als diese?" Um seine Untreue und Schwäche wissend antwortet er ihm: "Ja, Herr, du weißt, dass ich dich liebe (philéo)". Erneut fragt Jesus ihn: "Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich (apagáo)?" Erneut antwortet Simon ihm: Ja, Herr, du weißt, dass ich dich liebe (philéo). Beim dritten Mal fragte Jesus nur: Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich (philéo)?" In diesem Moment begreift Simon, dass Jesus seine armselige menschliche Liebe genügt. Dies ist die einzige Liebe, zu der er fähig ist. Daher antwortet er traurig: "Herr, du weißt alles; du weißt, dass ich dich lieb habe (philéo)." Beinahe erscheint es in dieser Szene so, als habe sich Jeus eher an Simon angepasst, als Simon an Jesus. Nach diesen Worten sagt Jesus zu ihm: "Weide meine Schafe!"
Folge mir nach!
Erst jetzt,kann Simon Jesus wirklich folgen. Er hat einen langen Weg hinter sich. Beinahe naiv erscheint es uns Heutigen, wie Simon diesem Rabbi am See Gennesaret folgt. Es folgen schwere innere Kämpfe, weil der Messias so anders als der Erwartete ist. Schließlich muss er seine eigener Schwäche durch die schmerzhafte Erfahrung der Verleugnung und die Tränen der Bekehrung erfahren. Er kann Jesus nur seine eigene armselige Liebe schenken. Durch diese Erkenntnis ist Simon dahin gelangt, sich jenem Jesus anzuvertrauen, der sich in seiner unendlichen Liebe Simons armseliger Liebesfähigkeit angepasst hat.
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